Lizchens Markt-Gangerl

Lizchens Spazier- und Schnupperwege in der Welt der Wochen-, Super- und anderen Märkte, der virtuellen Shops, der Marken und Produkte

Aufgetischt, was aus dem Müll gefischt?

Zucchini-Tomaten-Tarte mit Salsicci © Liz Collet

Zucchini-Tomaten-Tarte mit Salsicci © Liz Collet

„Lebensmittelverschwendung finde ich schlecht und dass Mülltaucher bestraft werden, dass sie die Lebensmittel rausfischen und noch essen. Ist doch alles noch gut und warum sollte man das nicht nehmen und essen dürfen.“

„Ja, gell. Und was die Sandra auf ihrer Party gestern da alles für’s Buffet draus gemacht hat.“

„Auf der Party gestern…äh…wieso? Da ….war ….was ….vom Mülltauchen dabei? Äh….die Sandra ist Mülltaucherin, das wusste ich nicht…….äh…. (Pause) …Äh…sach mal,  was genau war denn auf dem Buffet davon so aus dem …..äh….Müll…. Die Quiche auch? Und der Nudelsalat….?“

Kurze Kunstpause. Dann verbaler Gnadenstoß:

„ALLES!“

Lassen wir mal dahingestellt, ob es Sandra wirklich Mülltaucherin ist. Ob die Lebensmittel vom Buffet wirklich davon stammten. Und ob Sandra vielleicht in Wahrheit ganz anders heisst. Und weder die Lebensmittel für die im Bild zu sehende Quiche, noch andere in meinen Rezepten oder meiner Küche sind aus dem Müll gefischt. Aber es gibt eine Vielzahl von Bloggern, auch Foddbloggern, die – auf unterschiedliche Weise – dies tun oder mindestens abgelaufene und anders erlangte Lebensmittel verwenden und dafür eintreten. Respekt dafür – meine persönliche Grenze läge zweifellos da, wo diese Lebensmittel erst den Umweg über die versiffte Mülltonne genommen haben.

Dazu muss mir niemand sagen, dass diese doch ganz genauso gut schmecken und verwendbar wären – das mag so sein. Aber die will ich trotzdem dann nicht mehr essen. Das entscheidet jeder individuell mit seiner eigenen Toleranzbreite beim Ekelempfinden.

Und wo die einen dann die Lebensmittel noch herausfischen und essen, auch unverpackte, zäume ich das Pferd nicht erst da auf, sondern fordere, sie dort gar nicht erst landen zu lassen.

Und als Verbraucher und als Handel das zu vermeiden.

Beim eigenen Verhalten und der eigenen Tonne ist das in Ihrer und meiner Hand. Was glauben Sie, wie hoch der Anteil bereits dieser vermeidbaren Lebensmittelabfälle ist, der damit verhindert würde?

Bei den Tonnen des Handels ist der Hebel umständlicher – fängt aber letztlich auch beim Verbraucher an, der im Laden mäkelig nur die makelloseste Ware nimmt und damit bereits aussortiert, was der Laden abends rauswirft. Und beim Verbraucher, der noch am Karsamstag abends um 19:55 Uhr das Ostersortiment zur vollen Auswahl ebenso wie sonst die ganze Bandbreite der Lebensmittel erwartet.

Da ich keine Lebensmittel in die Tonne werfe und verschwende, sehe ich auch keinen Anlass, Lebensmittel aus der Tonne hinter dem Supermarkt zu fischen oder andernorts konsumieren zu wollen oder müssen. Oder mir ein foodethisch verantwortungsloses Gewissen einreden lassen zu müssen, weil ich das unappetitlich finde und andere Maßnahmen dagegen für oberste Priorität ansehe. Müll dort gar nicht erst mit Lebensmitteln entstehen zu lassen und in die Tonne zu kippen. Oder diese gar als Biogasmasse und auch noch als Abfall zum Geschäft werden zu lassen. DAS gilt es zu vermeiden. Prävention vor Reparation.

Aber wenn wir mal einen Blick um uns herum schweifen lassen, lesen wir endlose Diskussionen über vegane und vegetarische und glutenfreie und andere Ernährung, die nicht nur zwischen Gast und Gastgeber schier tagelange Grübeleien und Gespräche nach sich zieht, was auf den Tisch kommen kann, damit nicht irgendwer mit allergischem oder foodethischem Schock und womöglich hungrig endet. Im Restaurant hat man die Wahl – und zwischenzeitlich allerlei Kennzeichnungen auf Speisekarten über das, was alles drin ist. Und mancher isst und andere nicht. Über Hygiene in Lebensmittelhandel und Gastronomie sollen Kontrolleure und Pranger dem Gast, Verbraucher und Kunden Aufschluss geben, wo er noch – wenn schon nicht vertrauensvoll, so doch vermeintlich sicher vor hygienischen Problemen kaufen und schmausen könne, was von dort aus Regal und Küche komme. Und über (hygienisch einwandfreies) Pferdefleisch in der Lasagne schreiben Medien Monate und echauffieren sich Kunden endlos, die solche als angeblich eklig ansehen, nicht nur als „Betrug“. Die alle sollen kein Problem damit haben, die Lebensmittelverschwendung auch mit aus dem Müll gefischtem, ihnen aufgetischtem Essen haben?

Nicht jeder würde – auch wenn er Lebensmittelverschwendung im Handel als no go ansieht und dazu gehöre ich auch – Mülltauchen gehen wollen. Das hat nichts mit den Lebensmitteln zu tun, die eben eigentlich verwertbar wären. Sondern mit der Ekelschwelle, in Mülltonnen herumzukramen und aus solchen verpackte oder unverpackte Waren herauszufischen. Jeder hat seine eigene Ekelhemmschwelle, mag sein Ihre ist eine andere. Mag auch sein, die darin liegende Herabwürdigung und Demütigung, die andere dabei empfinden mögen, ist auch für einen Teil der Müllfischer nicht das Problem. In der Vielzahl bereits dazu verbreiteter Sendungen waren aber auch nicht alle bereit, kenntlich und erkennbar für Zuschauer vor der Kamera das zu erzählen oder die Kamera mitlaufen zu lassen, andere waren zwar erkennbar, aber nicht nur huschhusch bemüht, schnell zu suchen, zu fischen, um vom Ladenpersonal nicht erwischt zu werden. Manche sind erklärtermassen auch aus schlichter Armut darauf aus, manche wollen nicht, dass andere das wissen und sehen. (Den Widerspruch, dann in einer Sendung zu sehen zu sein, kann ich Ihnen dazu auch nicht auflösen). Oder jedenfalls nicht mit Namen genannt werden.

Das muss nicht erstaunen, es gibt genug Menschen, die auch nicht gern zu den Tafeln gehen, aber darauf angewiesen sind und das aber im Bekanntenkreis niemandem sagen. Sie werden kaum erwarten, dass diese dann leichter darüber plaudern, wenn sie stattdessen oder auch aus dem Müll fischen, was bereits dort gelandet ist und nicht von sauberen Tischen und Räumen der Tafeln an sie ausgegeben wird. Nicht jeder, der Müllfischen als rein politische oder gesellschaftliche Rebellion und Lebensweise bezeichnet, muss das (allein und nur) deswegen tun, aber es klingt zweifellos achtenswerter, als eine demütigende Abhängigkeit aus Armut von solchen Lebensmitteln. Und nicht jeder, der darauf angewiesen ist und es praktiziert, würde es – auch nicht als solches gesellschaftliches Statement – gegenüber anderen offenlegen oder social medial hinausposaunen. Nicht jeder ist extrovertiert und ungeniert genug, das öffentlich in Blogs zu posten und zu demonstrieren, dass und wie er das lebt. Oder auch nur im Bekanntenkreis offenzulegen. Das ist nicht nur einen Generationenfrage. Sondern auch eine von Scham, Armut, Demütigung und Stolz, die individuell und alters- und generationenübergreifend und -unabhängig in Gesprächen zu hören und zu erleben ist.

Eine Dame, die stets sehr eloquent, elegant und selbstbewusst bei verschiedentlichen Terminen anzutreffen war, hat mir einmal über ihre Zeit grösster finanzieller Schwierigkeiten nach einer Trennung und Insolvenz ihres Mannes und von ihr mitzutragenden Schulden erzählt. Und en passant auch über manche ihrer „Tricks“, um über die Runden zu kommen. Vor allem solche, die verhindern, dass „niemand mitbekommt, wie schlecht es einem gehe“. Ihren beiden Töchtern gab sie – wenn diese über den verhungerten Kühlschrank mäkelten und erst recht, wenn sie  mal einen Burger, ein Eis, eine Pizza oder anderes zu essen wollten – die Antwort, dass es besser sei, sie mit einem chicen Kleid auf den Hüften zu sehen, als all dieses Essen. Ein solches Kleid sehe jeder, den hungrigen Magen niemand. Ich bin nicht sicher, ob sie eher hungern würde, als Mülltauchen zu gehen.  Aber ganz sicher würde sie letzteres niemandem offenbaren. Sie schien aber – nach allem, was sie mir im Laufe der Zeit erzählte – immer irgendwie andere Mittel und Wege gefunden zu haben und mir manche auch verschmitzt erzählt.

Wenn man weiss, wie unsere Eltern und Grosseltern Zeiten von Lebensmittelknappheit erlebten und überstanden, auch des Hungers, mag Widerwillen gegen aus dem Müll und versifften Mülltonnen gefischter Lebensmittel eine Albernheit und Petitesse sein. Und mancher, der im Müll fischt – gleich welcher Generation – mag das deswegen auch als nicht hinderlich ansehen. Aber eben nicht jeder.

Ich finde es unwürdig und pervers, Lebensmittel erst in versiffte Mülltonnen zu werfen und dann allenfalls zu dulden, wenn schon nicht anzuzeigen, dass Menschen aus welchen Gründen auch immer diese Lebensmittelver(sch)wendung wenigstens mindern und die Lebensmittel verwenden, die sie zu schade zum Wegwerfen finden oder die sie sich nicht mehr anders leisten können. Anstatt diese wenigstens zu Tafeln zu geben. Oder wenigstens an einer sauberen Stelle so abzulegen, dass sie keinen Umweg über Mülltonnen nehmen. Manche Läden geben Waren dann günstiger ab – zB gegen Ende der Ladenöffnungszeit. Besser das, als sie wegzuwerfen. Aber vielleicht nicht so lukrativ, wie ein Geschäft, das selbst mit Müll aus Lebensmittelhandel noch zu machen ist.

Bei mir wurden und werden keine Lebensmittel weggeworfen. Das ist eine Frage des Umgangs mit dem eigenen Geld und den Lebensmitteln bereits beim Einkauf und der Planung und des Haushaltens und Hauswirtschaftens. Und der eingekauften Lebensmittel, wenn sie wider Erwarten doch mal nicht gleich verbraucht werden – sie dann ins TK-Fach zu geben oder zuzubereiten und dann zu „konservieren“ usw. Und auch deswegen würde ich – neben der Ekelschwelle – Lebensmittel nicht aus fremden Mülltonnen fischen wollen, wenn ich in meine eigene nicht mal welche werfen muss und will.

Und so warte ich beinahe auf den ersten Leserbrief an Dr. Erlinger in der SZ, der dort in schöner Regelmässigkeit ethische Fragen (mehr oder weniger) beantwortet.

Auf die Frage an ihn, ob man als Gastgeber Gäste vorher informieren muss, dass und was aus etwaigem herausgefischtem Müll vom Mülltauchen stammt oder dass der Gastgeber grundsätzlich Mülltaucher ist.

Ob der Gast Kniggeregeln verletzt, wenn er – nachdem er es erfährt – Einladung absagt oder bereits  am Tisch das Essen doch lieber dann nicht essen möchte. Letzteres würde den Gastgeber zweifellos verletzen und wer würde das tun wollen? Niemand.

Oder ob es Kniggeregeln verletzt, wenn man sich demnächst erkundigt, ob der Gastgeber eventuell Mülltaucher ist? Vertrauend darauf, dass er die Frage überhaupt wahrheitsgemäss beantwortet…. bien entendu.

Mal Hand auf’s Herz und egal, wie sehr Sie Müllfischen – bei anderen – gut finden, würden Sie es wissen wollen, wenn daraus für Sie gekocht, gebacken und für Sie als gast aufgetischt wird? Oder lieber nicht………..

Was der Gast nicht weiss, macht ihn nicht heiss?

Na, wenn’s danach ginge, könnten wir uns doch eigentlich auch all die vielen kleinen Worte auf Lebensmitteletiketten und Speisekarten der Gastronomie sparen, die augenkrebsauslösend klein gedruckt sind und von den wenigstens ohne Lebensmittellexikon und Wikipedia eh nicht verstanden werden. Und selbst mit diesen nicht….. oder doch nicht?

Ein schönes Wochenende – mit gutem, wirklich verwendetem und gut zubereitetem Essen und ohne Lebensmittelabfall in IHRER Tonne.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Mai 13, 2016 von in Medley.

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