Lizchens Markt-Gangerl

Lizchens Spazier- und Schnupperwege in der Welt der Wochen-, Super- und anderen Märkte, der virtuellen Shops, der Marken und Produkte

Verlieren Sie auch dauerverkabelt online den Faden zu Alltagsfähigkeiten? {Oder: Der neue Krieg der Knöpfe}

Knöpfe © Liz Collet

Knöpfe © Liz Collet

Unlängst im Abteil der Bahn zwei junge Damen, Anfang 20, online beim Schreihals-Onlineshop nach Klamotten suchend, die sie dort bestellen könnten, als die eine bemerkte, daß sich an der Umschlagmanschette eines der Ärmel ihrer Bluse einer der beiden dortigen Knöpfe löste. Sie zubbelte am Faden, der sich weiter langzog.

„Mist, schau mal, da geht der Knopf ab.“
„Nicht am Faden ziehen, dann geht er gleich ganz ab“
„Aber so geht er auch ab, dann verlier ich ihn noch“
„Dann wickel den losen Faden um den Knopf, das hat meine Oma unterwegs gemacht. Bis sie ihn dann daheim annähen konnte.“
„Den näh ich eh nicht an. Kennst Du wen, der Knöpfe annäht, Geschäfte oder so?“
„Nee, aber google mal, da gibt’s vielleicht was, wo man so wen findet, die das machen“.

An dieser Stelle unterdrückte ich, meinen Kopf noch ein bisschen mehr in das Buch in meiner Hand vertiefend, das Seufzen, das sich den Weg durch meine Sängerhalle suchen  und bahnen wollte beim Gedanken nicht nur an Schneidereien und Nähgeschäfte. In denen man den beiden mit drei Griffen das Annähen eines Knopfes zeigen hätte können. Wenn sie es denn schón offenkundig weder von Oma, Mutter oder in Handarbeitsunterricht gelernt hatten.

Geschäfte und Handwerksberufe, die den Wettbewerb mit Onlineshops und angesichts von Wegwerfklamotten zum low budget Preis und in weit entfernten Ländern zu low income Produktionen zunehmend verloren hatten und nur noch rar zu finden sind. Dann aber als echte Raritäten gelten dürfen.

Im 12.000 Einwohner zählendem Markt Murnau haben wir immerhin zwei Wollgeschäfte, die Wolle für Trachten- und andere Jacken und Kleidung zB von Werdenfelser Schafen haben, die meine Stricknadeln erfreuen. Und einen Laden für Kurzwaren, Garn und Knöpfe und Stoffe entlang Ober- und Untermarkt gelegen. Ein weiteres Fachgeschäft für Stoffe im Gewerbegebiet und einen hübschen Laden mit Stoffen für Dirndl- und Trachtenstoffe in einer kleinen Gasse, durch die ich von hier aus auf dem Weg zum Schloss und Rathaus in Katzensprungweite vorbeilaufe. Und in absehbarer Zeit auch hinein, weil die Stoffe Lust machen, wieder mal einen Rock zu schneidern, anderes auch. Ich schreibe das der Tatsache zu, dass und welche Art von Kleidung hier traditionell von Vereinen, für Trachten und Schützen und anderes gebraucht und vielfach anderes eben noch mehr selbst gemacht wird, was in der Region Teil von Brauchtum und wo Brauchtum Teil des Alltags ist. Allein damit aber erklärt es sich wohl nicht. Umso mehr freuen mich solche Einzelhändler, bei denen ich bekomme, was sonst allenfalls in Kaufhäusern in München an Waren zu suchen , aber an Fertigkeiten der Ladeninhaber in Kaufhäusern eben nicht mehr zu finden ist.

Derweil plätscherte der Dialog der beiden weiter:

Wie suche ich denn sowas. Sag mal Suchbegriff“
„Knöpfe annähen?“
„Da kommen nur Links, wie man ihn annäht. Ich will den doch nicht selber annähen.“
„Hab aber auch noch nie einen Laden gesehen, wo sowas gemacht wird. Schuhschnellreparaturen oder so, aber Knöpfe…? Höchsten Schneidereien. Google doch mal Schneiderei“
„Gibt’s keine. Hier nicht.“
„Musst es vielleicht doch selber machen. Gugg doch mal nach Video,wie das geht.“
„Oder ner App….?“
„Video reicht doch. Youtube halt.“
„Oh Mann, da brauch ich ja Nähzeug. Nadel. Und Faden und so. Bis ich das kaufe, wo krieg ich das denn…. und das Geld, das ich da ausgeben muss und dann noch nähen…. da kauf ich mir lieber neue Bluse. Lass und noch mal bei dem Onlineshop guggen….

Nähgarne © Liz Collet

Nähgarne © Liz Collet

In Zeiten, in denen eine Rolle Nähgarn und ein Satz Nadeln bestenfalls noch in guten Hotels als Notfallset zu finden ist und nicht mehr in Haushalten, geschweige denn ein halbwegs nett sortierter Nähkorb oder -kasten mit verschiedenfarbigen Nähseiden und -Garnen, von Stopfgarnen gar nicht mehr zu reden und Läden wie Kik, Primark & Schreionlineshops zu lowbudget-Preisen Klamotten unter die Leute werfen, bei denen nach ein bis zwei Waschgängen so maches Teil auch wie zum Wegwerfen aussehen kann – in solchen Zeiten haben Knöpfe schnell nicht nur den Faden verloren, sondern auch die Art von Kundenbindung, die Knöpfe wie Kunden noch mehr an Kleidung und deren Bestand und Fortbestand binden kann.

So wird der kleine Knopf zum Beleg dafür, wie Otto Normalverbraucher mit einfachsten handwerklichen Aufgaben auf Kriegsfuß steht.

Da beisst auch die Maus keinen Faden mehr ab, die leise flüsternd auf die vielen DIY- und Upcycle- und Recycle-Posts und Pins verweist, welche augenscheinlich eine Gegenströmung an Nadeln, Häkel- und Stricknadeln und Nähmaschinen belegen. In der virtuellen Welt, die eben nicht 1:1 das reale Leben widerspiegelt. Auch wenn sie den Schein und Anschein haben mag, als sei sie repräsentativ. Sie scheint es doch eben nicht zu sein.

Auch wenn der selbst den Faden verlierende homo sapiens dauerverkabelt mit Smartphone und der Welt und den Wissenspotentialen dahinter ist, so scheint Wissen wie Werken eher verloren, als gewonnen zu werden. Dabei hängt der Konsument am energieleitendem Faden zur virtuellen Welt schon so weit, dass selbst die Sprösslinge von Eltern nicht mehr ohne App und Smartphone lernen können, wie man Zähne putzt, ganz banal mit Zahnbürste und -pasta, von klein auf zur Abhängigkeit von stromgespeisten und umweltunfreundlich energiezuzelnden und aufzuladenden Geräten angefixt wird.

Dass (manche) Zahnärzte das noch befürworten, mag mehr Kopfschütteln veursachen, als das Interesse von Herstellern solcher Technik, deren Preis so manche Kosten für Bildungslücken da schliessen könnte, wo oft genug geklagt wird, nicht genug zu verdienen, um den eigenen Blagen die Bildung, Bücher und Schulbedarf zukommen lassen zu können, das sie nach Meinung ihrer Eltern doch verdienen würden und das dann als Sozialleistungen zusätzlich zu beanspruchen sein müsse. Um Zugang zu gleicher Bildung und Bildungschancen zu erlangen.

Zu so viel Kopfschütteln aber reicht es leider nicht, dass man selbiges als unmissverständliches NEIN erkennen und verstehen und aussprechen würde. Zu Angeboten von derlei Unnützem und Überflüssigem an Apps und Technik. Wo manchmal Nadel und Faden und manchmal Zahncreme und -bürste moderne und unverändert alltagstaugliche Instrumente genug wären. Wenn man noch damit umzugehen verstünde, mit dem Set von 10 Werkzeugen, die man immer bei sich hat und deren Multifunktionstauglichkeit weit über blosses Wischen über Displays hinausginge. Eigentlich.

Aber warum einfach, wenn es teuer und kompliziert geht….., oder?

Ich kann mir nicht helfen – ich finde es erbarmungswürdig, wenn der Mensch schon vor einem losen Knopf und Nadel und Faden als „Waffen“ des Alltags die Kapitulation erklärt.

Ni X für U ngut.

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